Die Ökonomie von Gut und Böse oder Wenn wir brav sind kommen wir alle in den Himmel

Graue Wolken hängen bedrohlich auch über der größten österreichischen Bank
© Denise Aichelburg

Nach Griechenland erreichen die unheilvollen, schwarzen Sturmwolken des Krisentiefs nun auch Spanien. http://edition.cnn.com/2012/06/10/business/spain-aid-questions-remain/index.html?hpt=hp_c2
Der Euro-Rettungsschirm ist die letzte Hoffnung. Angesichts dieser desaströsen Entwicklungen stellt sich einmal mehr die Frage, wie es denn überhaupt so weit kommen konnte. Dieses Thema wurde Anfang März im Rahmen der Alpbach Talks unter dem Titel „Die Ökonomie von Gut und Böse vs. Ein Weg zur Gemeinwohl-Ökonomie“ erörtert.

Es war eine illustre Runde, die sich aus diesem Anlass auf dem Podium des mehr als gut gefüllten Redoutensaals der Wiener Hofburg eingefunden hatte: Ein Minister, der Chef einer Großbank und ein Rebell diskutierten über einen möglichen Weg aus der Finanz- und Wirtschaftskrise, sofern es diesen überhaupt gibt. Christian Felber, Mitbegründer und Sprecher von Attac Österreich, Karel Schwarzenberg, Außenminister der Tschechischen Republik und Tomáš Sedláček, Chefvolkswirt der Československá obchodní banka (ČSOB) lieferten einem aufmerksamen Publikum einige Weisheiten aber auch viele Plattitüden. Von diesen hier ein kleiner Ausschnitt:

Es gibt sie noch, die Fragen, auf die auch der Klügste keine Antwort weiß: Gibt es einen Ausweg aus der Finanzkrise? Ist der auf Wachstum basierende Kapitalismus endgültig zu verurteilen oder war er doch der richtige Weg und wir haben uns nur leicht verirrt. Ist die Marktwirtschaft nun gut oder böse? Und im welchen Verhältnis dazu steht die Natur des Menschen?

“Kein Baum wächst in den Himmel“, meinte der tschechische Außenminister Fürst Karl Schwarzenberg gleich zu Beginn. Als Forstwirt wisse er nur zu gut, dass auch der höchste Baum irgendwann faul werde oder absterbe. Darum sei der blinde Glaube an ewiges Wachstum ein grober Fehler. Zwar gab es nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stetiges robustes Wachstum in Europa. Aber damit ist es heute vorbei. Nun sind es Länder wie China, die uns überholen. Vor allem auch deshalb, weil sie fleißig waren, während wir uns aus auf dem, was unsere Großeltern aufgebaut hatten ausruhten und es verabsäumten in Kernbereiche wie Forschung und Entwicklung, den Grundpfeilern für nachhaltiges Wachstum, zu investieren. Mittlerweile meldet China Patente wie am Fließband an und lässt Europa dabei weit hinter sich.

Auch sei die Krise das Resultat von mangelndem Verantwortungsbewusstsein: „Den jährlichen Sommerurlaub am Mittelmeer sehen wir ja bereits als unser Naturrecht an.“ Und die passende Rechtfertigung hätten wir auch gleich parat: „Wer konsumiert, belebt die Wirtschaft und erhält damit den Wohlstand“.

Der Moralverfall sei ein weiterer nicht vernachlässigbarer Aspekt. Früher war es der Bankier, dem man sein Vermögen oder Erspartes anvertraute, heute sind es die Banker, die mit den Zahlen jonglieren. Je salopper die Bezeichnung des Berufstands, desto verantwortungsloser wurde der Umgang mit dem Geld. Der Grund dafür liegt nicht zuletzt in der mangelnden Erfahrung der meist jungen Banker, die noch keine Angst kennen.

Wer ist also Schuld an der Krise? Wer sind die Bösen?
Laut Attac-Sprecher Felber sind es nicht die Menschen, sondern die Systeme. Unser Wirtschafts- und unser Gesellschaftssystem haben uns gelehrt, dass Egoismus belohnt wird. Es werden die falsche Werte propagiert, was dazu führt, dass wir mittlerweile nicht nur einer mit Finanz- und Stabilitätskrise, sondern mit einer Demokratiekrise konfrontiert sind. 90% der Österreicher wünschen sich eine neue Wirtschaftsordnung, in der dem Umweltschutz und der sozialen Ausgleich in der Gesellschaft mehr Platz eingeräumt wird, so eine Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. http://diepresse.com/home/politik/eu/588514/Oesterreicher-wollen-eine-neue-Wirtschaftsordnung. 

Das von ihm propagierte Prinzip der Gemeinwohlökonomie sieht vor nur so viel zu konsumieren wie zum Leben benötigt wird. Dadurch ist ein nachhaltiges Überleben aller Menschen mit einem gewissen Maß an Wohlstand möglich. Das hieße aber auch die Industrie müsse weniger produzieren und nicht auf steigende Gewinnzahlen ausgerichtet sein. Eine schöne neue Welt in positiver Hinsicht, aber ist sie auch realistisch? http://www.gemeinwohl-oekonomie.org/uber-uns/gwo-in-3-min/

Der Ökonom Tomáš Sedláček (“Die Ökonomie von Gut und Böse”), der die komplizierten Mechanismen einfach und prägnant in seinem Buch „Die Ökonomie von Gut und Böse“ auf den Punkt gebracht hat, versucht das Böse zu erklären, indem er meint, dass auch Egoisten so tun, als ob sie keine Egoisten wären. Anders gesagt, niemand will gerne der Böse sein, aber dennoch existieren sie. Mehr als einmal erklärt er die wirtschaftlichen Zusammenhänge anhand bekannter Geschichten aus der Bibel, so zum Beispiel von den mageren Jahren, die auf die fetten reichen Jahre folgen, in denen es allerdings verabsäumt wurde für die schlechten Zeiten hätte entsprechend vorzusorgen.

Aber auch auf der Seite der vermeintlich Guten ist alles nicht alles so wie es scheint. NGOs, die sich bekanntlich sehr schnell gruppieren, bestehen nur aus Menschen und brauchen Führungskräfte. Und diese haben dieselben menschlichen Schwächen und sind denselben Versuchungen ausgesetzt wie die Politiker, die sie anprangern.

Felbers Rezept gegen die Versuchung besteht darin, nach dem Intellekt zu entscheiden. Immerhin neige der Mensch ja von Natur aus zu einem gesunden Sozialverhalten und weniger zu Egoismus. Er selbst höre im Zweifelsfall immer auf da, was sein Herz ihm rät.

Was bleibt?
Alle der drei Geladenen versuchten sich so gut wie möglich sowie witzig und geistreich zu präsentieren, was Ihnen zum Großteil auch sehr gut gelang, wenn es auch zuweilen etwas angestrengt wirkte und am Wesentlichen vorbei führte. Denn eine Antwort auf die Frage wurde nicht gefunden.

Am ehesten kann man noch dem altehrwürdigen Fürsten eine gewisse Leichtigkeit, Ehrlichkeit und Nonchalance attestieren. Die Weisheit des Alters scheint es wohl zu sein, die ihn gelassener und entspannter an das komplexe Thema herangehen lässt ohne seine Wortmeldungen mit Zitaten und Anlehnungen (vor allem Hajek) von Wirtschaftswissenschaftern und anderen klugen Köpfen zu schmücken.

In dieser Hinsicht fiel besonders der durchaus sympathische Attac-Sprecher Christian Felber auf, der dennoch seine Rebellenattitüde und marxistischen Ansätze nicht verbergen konnte. So zum Beispiel als er davon sprach, dass die Reichtümer besser verteilt werden müssten: Eine der Forderungen der Attac besteht darin, dass die Wohlhabenden und Besitzenden durch einen „gerechten Beitrag“, d.h. einem Fünftel ihres Besitzes, die Schulden tilgen mögen. Dabei beruft er sich auf eine Studie der Boston Consulting Group, die besagt, der einzige Ausweg aus dem Dilemma wäre die Enteignung der privaten Vermögen, immerhin geschätzte 18 Billionen Euro. Mit nur einem Drittel davon wäre das Schuldenproblem schon gelöst.

Einer der interessierten Zuhörer im Publikum war auch Georg Reichlin- Meldegg, Philanthrop und Kämpfer für eine bessere Welt, der demnächst die Petition “Citizens` Initiative for the United Nations SOS – Save Our Souls“ einbringen möchte. Er sieht die verstärkte Diskussion um die Gemeinwohl-Ökonomie und mediale Aufbereitung der Krisen-Problematik positiv und als Kick-off für einen Veränderungsprozess, der unumgänglich ist. „Heute trafen sich drei Generationen und gleichzeitig prallten drei Zeitformen aufeinander – Karl Schwarzenberg repräsentiert die Vergangenheit, der Banker Thomas Sedlacek die Gegenwart und Attak Gründer Felber die Zukunft. Damit ist alles gesagt.“

Es ist meiner Meinung nach allerdings zu bezweifeln, dass die Gemeinwohl-Ökonomie die Entscheidungsträger wird überzeugen können. Das Problem damit ist unter anderem, dass es dem Grundprinzip, das die westliche Welt groß gemacht hat, widerspricht. Subsistenzwirtschaft, also nur so viel anzuhäufen wie man zum Überleben braucht, erinnert an das „von der Hand in den Mund“ – Prinzip der Ureinwohner. Es ist mit einem modernen Staat, das den Fortbestand der Zivilisation auf der Basis von Fortschritt sichern will nur schlecht vereinbar.

Eines bleibt unbestritten, ein Richtungswechsel ist dringend notwendig. Und wenn es uns wirklich gelingt, die Reichtümer besser zu verteilen und gerechter damit umzugehen, kommen wir wohl alle in den Himmel. Auch wenn das für die bislang Begüterten, die Hölle auf Erden bedeuten dürfte.

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